Mit Phoenix aus der Asche

Es ging alles ganz schnell. Der Ford, der auf der Gegenfahrbahn in ein geparktes Auto kracht, herumgeschleudert und plötzlich vor ihrer Stoßstange quer steht. Magdalena fährt an diesem Nachmittag des 1. Januar 1993 ungebremst hinein. Beide Wagen geraten sofort in Brand.

Was dann geschah, liegt für die Lüneburgerin wie im dichten Nebel: „Meine Tür wurde aufgerissen“, jemand sagte; Sie hatten einen Unfall“, und machte die Tür wieder zu“. Magdalena wäre unweigerlich verbrannt, wenn sie es irgendwann nicht selbst geschafft hätte, sich abzuschnallen und aus dem Auto zu kriechen.

Zu diesem Zeitpunkt sind ihre Hände nur noch Stümpfe, das Gesicht zur Unkenntlichkeit entstellt. Umstehende Passanten jagen hinter dem flüchtigen, angetrunkenen Unfallverursacher her. Sie finden ihn auch. Später in der Gerichtsverhandlung wird er zu neun Monaten Führerscheinentzug und 6000 DM Geldstrafe verurteilt und kann sein Leben weiterführen wie bisher.

Für Magdalena Ist nach diesem 1. Januar, an dem sie ihre Eltern besuchte, weil sie am nächsten Tag nach Australien fliegen wollte, nichts mehr wie es war: Nach „fünf Wochen bin ich zum ersten Mal aus dem künstlichen Koma aufgewacht“, erzählt die 69jährige. Das Koma war notwendig, weil sie neben den Brandverletzungen giftige Gase eingeatmet hatte, die ihre Lungen streiken ließen.

Sie liegt im Brandverletzten-Zentrum in Duisburg: „Das UK-Boberg hatte an diesem Neujahrstag keine Betten mehr frei. Traurige Routine bei übermütigen Sylvester-Böllern und unbedarften Hobby-Chemikern, die glauben, sich ihre Knaller dringend selbst bauen zu müssen.

Das Koma hat sie vor den ersten, schlimmsten Schmerzen bewahrt, doch ihr Leidensweg ist noch lang. Erst nach einem viertel Jahr traut sie sich, das erste Mal in den Spiegel zu sehen: Augenbrauen, Wimpern, große Hautteile – alles weg. In die Mundhöhle kommen täglich 30 Stifte, um Form und Größe des Mundes zu erhalten. Arm- und Beingelenke müssen vorsichtig wieder bewegt, die Hände bandagiert werden. Die verpflanzten Hautteile heilen nur langsam.

Magdalena: „Als die Ärzte nach zwei Monaten aufzustehen, bin ich gleich wieder umgekippt, meine Hüfte war wie versteinert. „Ein halbes Jahr später bewahrt sie eine Spezialisten-Operation vor einem Leben im Rollstuhl“.

Hilfe und Unterstützung findet die zierliche Frau auch bei dem Selbsthilfeverein Phoenix, „Trag die Gesichtsmaske, unbedingt“, hatte ihr ein Mitglied gesagt, und tatsächlich: „Es war zwar unangenehm, ein Jahr lang, Tag und Nacht, eine Gesichtsmaske zu tragen“, aber dafür sind meine Narben heute heiler, weicher und unauffälliger, als dieses ohne Maske gewesen wären.“

Mit ihrer Augenoperation, nachgebildeten Augenbrauen und leichtem Make up hat die Lüneburgerin viel an Selbstsicherheit gewonnen: „Manche Leute starren mich und andere Brandverletzte auf der Straße an, als wenn wir eine ansteckende Krankheit oder Aids hätten. Inzwischen starre ich zurück. „Bei meinen Urlaub in Kanada und Kuba hatten die Menschen da viel weniger Berührungsängste.“

Gerade bei solchen Problemen, sich wieder unter Leute zu trauen, die seelische Überwindung, das erste Mal ins Freibad zu gehen, aber auch bei praktischen und versicherungstechnischen Fragen steht der Verein seinen Mitgliedern und Angehörigen mit Rat und Tat zur Seite.

Eure Magdalena

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