Anders sein – Sendung im SWR

„Nur gemeinsam werden wir eine Gesellschaft schaffen, in der man ohne Angst anders sein kann,“ mahnte der vor hundert Jahren geborene Philosoph Theodor W. Adorno. Toleranz ist auch heute noch keine Selbstverständlichkeit. Behinderte, Angehörige von Minderheiten und Menschen, die anders leben, kämpfen täglich mit Vorurteilen und Ausgrenzung. Wie lebt es sich jenseits der Norm? Wie viel Außenseitertum erträgt unsere Gesellschaft?

Die Gäste:

Ron Williams
Sein Markenzeichen ist die Baseballkappe. Ohne sie geht der Komiker, Sänger und Schauspieler Ron Williams nie aus dem Haus. In Kalifornien geboren kam er mit 19 als GI nach Stuttgart und blieb in „good old Germany“ hängen. Und das, obwohl er aufgrund seiner schwarzen Hautfarbe öfters mit Fremdenfeindlichkeit konfrontiert wurde. Statt sich selbst zu bemitleiden, sagte er dem Rassismus dem Kampf an. Unter anderem mit Auftritten seiner Band, die sich ironischerweise „The All White Band“ nennt. Im Theater stand er zuletzt als Martin Luther King auf der Bühne.

Ronald Hitzler
„Früher gingen Menschen, die anders waren zum Zirkus oder auf die Kirmes. Heute, wenn sie es geschickt anstellen, gehen sie ins Fernsehen,“ sagt der Dortmunder Szeneforscher Ronald Hitzler. Individuelles Talent und Durchsetzungsfähigkeit entscheiden, ob sich jemand auf der Gewinner- oder Verliererseite wieder findet. Anderssein kann durchaus Vorteile haben, doch einem Mann mit 2,20 Meter Körpergröße einzureden, er sei normal, käme für den Soziologen nicht in Frage. „Ich bin kein Betroffenheitslyriker. Wenn jemand anders ist, dann sage ich das auch so.“

ChrisTine Urspruch
Die 1,32 Meter große ChrisTine Urspruch dagegen hat sich „immer als normal empfunden“. Im neuen Sams-Film, der im Dezember anläuft, spielt sie die Hauptrolle. Seit sie als Assistentin von Prof. Boerne im Münsteraner Tatort mitwirkt, ist die kleinwüchsige Schauspielerin einer breiten Öffentlichkeit bekannt. „Alberich“, nach dem Zwerg in der Nibelungensage, ist ihr Spitzname in der Serie und den kontert sie frech. Mit Humor und Schlagfertigkeit nimmt die 33-jährige Kleinwüchsige auch sonst die Hürden des Lebens, denen sie manchmal ganz banal mit Hilfe von Schemeln und Leitern beikommen muss.

Laura Halding-Hoppenheit
Wer wie Laura Halding-Hoppenheit schon viele Jahrzehnte die Nacht zum Tage macht, muss einen Grund dafür haben: Als bekannte Stuttgarter Nachtclubbesitzerin und Wirtin kümmert sich neben ihrem Job als Mutter von zwei Kindern um eine zahlreiche schwule Gästeschar, für deren Belange sie sich immer wieder eingesetzt hat. Darüber hinaus engagiert sie sich für Streetworker und in der Aidshilfe. Doch sie sagt auch: „Ich bin keine Fee. Eine Fee ist hilflos, blond, schön, unschuldig. Ich habe viel mehr Kraft als andere Menschen, ich hole sie mir aus dem Kosmos.“

Serap Cileli
wurde mit 15 Jahren mit einem Mann verheiratet, den ihr Vater für sie bestimmt hatte. Nach der Geburt von zwei Kindern befreite sie sich aus dem Ehegefängnis, doch ein weiterer von der Familie ausgesuchter Mann wartete bereits. Nach Morddrohungen ihres Vaters floh sie erneut und lebte jahrelang in einem Frauenhaus. Den Kontakt zu ihren Eltern und Geschwistern hat sie völlig verloren. Halt findet die 37-Jährige heute bei ihrem neuen Mann, in den sie sich damals heimlich verliebte.

Bernhard Heitz
Vor fünf Jahren entkam Bernhard Heitz bei einem Flugzeugabsturz nur knapp dem Tod. Seine Haut verbrannte, nachdem sich das Kerosin entzündet hatte. Der frühere Jurist und Hobbyflieger ist seither entstellt und lebt mit dem Angestarrt werden. Der 41-Jährige hat nun einen Selbsthilfeverein für Brandopfer gegründet und begegnet seinem Schicksal mit Kampfesmut. „Inzwischen ist es für mich so, dass der erste Blick frei ist. Jeder darf einmal schauen. Ich sage immer: Fotomodelle und Brandverletzte haben dasselbe Problem – wir werden nur nach dem Äußeren bewertet.“

An der Bar: Bernd Heidelbauer
Der selbst ernannte Stuttgarter „Gastrosoph“ Bernd Heidelbauer fällt im Stadtbild auf: Er trägt wallende Gewänder und Pluderhosen, ist behängt mit voluminösem Schmuck, im Gesicht prangt ein extravaganter Bart und ohne Turban ist er selten zu sehen. Zeitweise hatte der Lebenskünstler mehrere Promi-Kneipen, betrieb einen exklusiven Catering-Service. Der eigenwillige 56-Jährige wünscht sich, dass die Menschen mehr zu sich stehen: „Ich möchte anderen Leuten einen Spiegel vorhalten, sie fragen: Warum seid ihr so beige und grau? Warum seht ihr alle gleich aus? Könnt ihr nicht wenigstens ein bisschen aus der Masse heraustreten? Das würde euch weiterbringen!“

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