Wie schnell Träume zu Albträumen werden können

Was für ein Winterabend, an diesem 2. Weihnachtstag. Die Schneeflocken, die im laufe des Tages gefallen waren, hatten Häuser, Wälder, Wiesen ja ganze Ortschaften in eine verzauberte Landschaft verwandelt. Die Schwippbögen, die Leuchtkerzen in vielen Fenstern und die durch Lichterketten erhellten Tannenbäume in den Gärten erinnerten an Kindheitsträume.

Hinzu kamen die Hauskamine, aus denen geheimnisvoller, duftender Rauch aufstieg. Diese Landschaft, wie auch die Freude auf das Zusammentreffen mit unseren Freunden, die wir mehr als sechs Monate nicht gesehen hatten, ließen und wohl alles noch stärker als sonst bemerken.

Da machte selbst mir das Fahren auf den winterlichen Straßengegebenheiten des Siegerlandes nicht das Geringste aus. Die Laternenparker zu beiden Seiten hatten die Räumfahrzeuge gezwungen, fast alle Straßen zu Einbahnwegen umzufunktionieren.

Kamen sich plötzlich zwei Fahrzeuge entgegen, war ein Zusammenstoß nur dann unvermeidlich, wenn beide Fahrer im wahrsten Sinne des Wortes vorausdenkend gefahren waren, und die (mögliche) Dummheit der anderen Verkehrsteilnehmer mit ins Kalkül gezogen hatten.

Nur dann war es noch rechtzeitig möglich, zu bremsen und rückwärts in eine Schneelücke zu flüchten, in der zuvor ein Parker gestanden hatte. Als hätte es das Schicksal wohlwollend gefügt, fanden wir direkt vor dem Hause unserer Freunde eine solche Lücke im Schnee.

Da wir uns lange nicht gesehen hatten, gab es beim gemeinsamen Abendessen viel zu erzählen. Anschließend wollten wir zum so genannten gemütlichen Teil übergehen. Zu unserer Überraschung hatte Matthias dazu im Wohnzimmer das Rechaud einer Feuerzangen Bowle aufgebaut. Nachdem er die Flamme im Stövchen angezündet hatte, wurde der Kupferkessel mit dem Glühwein aufgesetzt.

Um Flammenentwicklung besser beobachten zu können, schaltete unser Gastgeber zuvor die Deckenbeleuchtung aus, während Julia, seine Frau, ihm die Flasche mit dem hochprozentige Rum übergab. Zuvor hatte Matthias noch den großen weißen Zuckerhut auf die Zange gelegt, die auf dem Rand des Kupferkessels ruhte. Schon jetzt entströmte dem sich langsam erwärmende Punsch durch die Flamme unter dem Kupferkessel allmählich ein ganz eigener Duft.

Trotz allen Bittens war der Hausherr nicht dazu zu bewegen, sein Rezept zu verraten. Jetzt sollte „der erste AHA – Effekt“ erfolgen. „Jetzt passt mal schön auf“ sagte Matthias und übergoss den Zuckerhut mit dem Rum. Plötzlich entstand eine phantastische Illumination über dem Zuckerhut. Eine sich farblich ständig verändernde Flamme mit einem blauen Lichthof tauchte den Raum in einen geheimnisvollen Glanz.

Leider hielt diese zauberhafte Erscheinung nicht lange an, Schlagartig wurde dieser Zauber in ein kleines granatenartiges Explosions-Inferno verwandelt. Plötzlich sprangen nämlich Teile des Zuckerhutes brennend in die nähere Umgebung und setzten alle entzündbare Dinge und Gegenstände sofort in Brand.

Nachdem wir und von dem ersten Schock erholt hatten, stoben wir im wahrsten Sinne des Wortes alle auseinander, um nach geeigneten Dingen zu suchen, mit denen wir die vielen kleinen Brandherde ersticken konnten. Dazu rafften wir alle Decken und Kissen vom Tisch, den Stühlen und der Couch, um die vielen kleinen Brandherde ersticken zu können. Erst dabei bemerkte Julia, dass auch die Haare ihres Mannes in Flammen standen. Sie rief ihm zu, er solle sofort ins Bad laufen und den Kopf ins Wasser stecken.

Vor lauter „Löschbemühungen“ hatten wir auf ihn gar nicht geachtet. Matthias dachte nicht daran, der Aufforderung seiner Frau zu folgen. Vermutlich stand auch er unter Schock. Schnell hatten wir alle erkennbaren Brandstellen mit den Hilfsmitteln, die wir in der Eile finden konnten, erstickt. Nur durch Zufall, als wir uns gemeinsam nach eventuell noch nicht entdeckten Brandherden umsahen, bemerkte plötzlich seine Frau wie schwer unser Gastgeber „Feuer gefangen hatte“.

Bei ihm hatten sich selbst bis dahin die Schmerzen noch nicht bemerkbar gemacht, die durch die zum großen Teil verbrannten Haare, Augenbrauen und dem Bart verursacht worden waren. Während sich unsere Frauen sofort daran machten, die Schadenspuren an der Einrichtung so weit wie möglich zu beseitigen, wurde Matthias von mir, nach einer Notversorgung durch Julia in das nächstgelegene Krankenhaus gebracht.

„Das geschah dann aber auch mehr rutschend und schleudernd in einem Eiskanal mit gleichzeitigem Fuss auf der Hupe.“ Ich weis bis heute nicht, warum er sich neben mir in sich zusammengekauert hatte. Ich merkte nur „wie er mit sich kämpfte“ Den Kopf mit seinem nassen „Turban“ hielt er gebeugt kurz über seinen Knien; die Augen waren geschlossen und die Wangenknochen zuckten verräterisch, so sehr biss er sich auf die Zähne. Es war wohl mehr der Schmerz als meine Fahrweise.

Auch weiß ich heute nicht mehr wie es dazu kam, dass ich bei dieser Rutschpartie in höchstmöglicher Geschwindigkeit, mit der Hand auf der Hupe unfallfrei ins Krankenhaus kam und dabei dann urplötzlich an das „Tapfere Schneiderlein “ denken musste, als ich den Freund in die Unfallaufnahme brachte. Nach gut zwei Stunden konnte Matthias im wahrsten Sinne des Wortes „medizinisch gut versorgt“ wieder in eine körperlich folgenlos Zukunft blinzeln. Denn nur ganz kleine Sehschlitze und eine Öffnung für einen Strohhalm hatten ihm die Ärzte in seinem Kopfverband gelassen. Die Verbrennungen waren nicht ganz so schlimm, wie es zuerst ausgesehen hatte und die Augen waren nicht betroffen worden.

Julia musste mir dann schon glauben, dass es Ihr Mann war, den ich ihr nach meiner Rückkehr – auch für das Ehebett – wieder mitgebracht hatte. Bei kaltem Punsch wurde dann noch in aller Ausführlichkeit über die möglichen Ursachen dieses Ereignisses, und wie sie denn zu vermeiden gewesen wären, diskutiert. Dabei wurde auch darüber nachgedacht, ob sich ganz genau an die Gebrauchsanweisung gehalten habe. Einen Verstoß konnten wir dabei nicht feststellen. Zum Schluss waren wir alle sehr glücklich, dass nicht noch schlimmeres passiert war.

Da dieser Gefahr alle die Leser ausgesetzt sind, die eine solche Ausrüstung im Einsatz haben , wird der Ursachenermittlung und deren Vermeidung in einer weiteren Abhandlung nachgegangen.

H. J. Hilpert

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