Feuer auf der Haut: „Wie fühlt es sich an?“

Sückau/Weimar. Gespenstisch flackert blaues Licht in einem abgedunkelten Raum, der dicht mit Rauch gefüllt ist. Man hört Stimmen von einem Tonband, die Schreckliches berichten: Von den Bränden ihrer Häuser und den körperlichen und seelischen Verletzungen, die sie dabei erlitten haben. Eine der Stimmen gehört Ilse Koch aus Sückau, die bei einer Gasexplosion in ihrem Ferienhaus im Westerwald im Jahr 1990 schwer verletzt wurde. Über 40% ihrer Hautoberfläche waren verbrannt, ein langer und schmerzhafter Weg durch Krankenhäuser und Rehabilitationen folgte.

Im Juni dieses Jahres erhält der Verein „Phoenix Deutschland – Hilfe für Brandverletzte e.V.“, dessen Vorsitzende Ilse Koch ist, Post von Alicia Kremser aus Weimar: Die Studentin der Medienkunst an der Bauhaus-Universität Weimar sucht für ein Kunstprojekt im Rahmen ihrer Ausbildung Menschen, die bereit sind, von ihren Erfahrungen mit Bränden zu berichten. „Ich fand das sehr interessant und etwas ganz Anderes, als unser Verein sonst macht“, erinnert sich Ilse Koch, die nicht zögert, zuzusagen und Alicia Kremser per Telefon ein Interview zu geben, das in der Installation Verwendung findet. „Es war tatsächlich sehr schwierig, Menschen zu finden, die zu einem Interview bereit waren.“, berichtet Alicia Kremser, „Ich bin sehr froh, dass ich so offene und freundliche Menschen wie Ilse Koch getroffen habe.“

„How does it feel?“ – zu Deutsch: „Wie fühlt es sich an?“ – nennt Alicia Kremser ihre Installation, bei der es um die Bedeutung der Arbeit der (freiwilligen) Feuerwehren geht. „Die Besucher können in der Installation am eigenen Leib erfahren, wie wichtig es ist, in einer Brandsituation gerettet zu werden“, erklärt die 22-jährige Studentin, die für mehr Nachwuchs der Wehren werben möchte. Die drei Interviews, die in dem verrauchten Raum zu hören sind, dauern zwölf Minuten, ungefähr so lange wie es dauert, bis die Feuerwehr vor Ort ist. Mit einer Stoppuhr wird gemessen, wie lange die Besucher sich im Raum aufhalten. Bis zum Ende haben nur ganz wenige Besucher ausgeharrt. Ilse Koch, die im Juli extra nach Weimar gereist ist, um das Projekt zu besuchen, hat unterschiedliche Reaktionen beobachtet: „Einige haben es nicht ausgehalten und sind nach wenigen Sekunden wieder raus. Andere sind länger geblieben. Im Ernstfall hat man nicht diese Wahlmöglichkeiten.“ Schwierig sei es gewesen, der eigenen Geschichte in diesem Raum zu begegnen, gesteht Ilse Koch: „Das ist immer wieder aufwühlend, obwohl ich meine Geschichte schon oft erzählt und aufgeschrieben habe, wie es mir eine Psychologin geraten hat. In diesem Raum habe ich es erst gar nicht realisiert, erst hinter her wurde mir bewusst, dass das ich bin.“ Beeindruckt ist Ilse Koch von Idee und Ausführung der Installation: „Das Thema ist so wichtig und Unterstützung der Feuerwehren lebensrettend. Hier wird mit einfachen Mittel gearbeitet und das erzeugt eine wirklich beklemmende Atmosphäre. Ich hätte gar nicht gedacht, dass sich die jungen Leute von heute so tolle Sachen ausdenken und umsetzen.“

Vielleicht geht die Installation „How does ist feel?“ noch auf Reisen. Alicia Kremser überlegt, eine mobile Form zu entwickeln, mit der nicht nur in Ausstellungen, sondern auch in Fußgängerzonen für die Arbeit der Feuerwehren und die Geschichten von Brandopfern sensibilisiert werden kann.

Ilse Koch (l.) bei ihrem Besuch in Weimar mit Alicia Kremser, der Regisseurin der Installation "How does it feel?"
Ilse Koch (l.) bei ihrem Besuch in Weimar mit Alicia Kremser, der Regisseurin der Installation „How does it feel?“

Schweriner Volkszeitung

Ingunn Wittkopf

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