Die Wiederkehr des Schreckens

Ende April bekomme ich einen Anruf. Am Telefon eine Patientin, die nach einem schweren Brandunfall bei uns behandelt und vor ca. 1 Jahr zu Ihrer Familie nach Hause entlassen worden war.

Sie arbeitet wieder, ist engagiert dabei ihr Leben wieder aufzunehmen – bis sie die Bilder aus Djerba sieht: die Flammen, schreiende Menschen, der Qualm, und plötzlich ist die Angst wieder da, die Panik springt sie an und sie wähnt sich mit einem Mal zurückversetzt in die Situation ihres Unfalles. Den sie bei einem Anschlag und Überfall erlebt hat:

Hilflos und ohnmächtig der Feuerwalze ausgeliefert, unfähig wegzulaufen, sich in Sicherheit zu bringen. Als sie mir das am Telefon erzählt, ringt sie nach Atem, als ob sie wieder mittendrin in den Flammen steht. Nichts ist vorbei. Alles ist wieder lebendig.

In der Phase nach dem stationären Aufenthalt, wenn das angeblich normale Leben wieder beginnt, wenn die Familie und die Freunde sich freuen und sagen: „Gut, das Du wieder da bist“, Gott sei Dank ist alles vorbei“! und der Alltag wieder einkehrt, geschieht bei vielen Verletzten etwas Eigenartiges:

Die Freude über die überstandene Verletzung will nicht aufkommen, viele Gedanken werden wach. Die Belastungen und Erschöpfungen der vergangenen Monate werden spürbar.

Man merkt: es ist mehr passiert, als äußerlich sichtbar ist. Mein Lebensgefühl ist ein anderes. Alte Selbstverständlichkeiten haben sich aufgelöst. Man passt nicht mehr so richtig an den alten Platz. Nur eigenartig: die anderen merken das zuerst gar nicht. Man erzählt es auch nicht gleich. Man möchte ja wieder „da“ sein, das Leben wieder anpacken, beweisen, dass man wieder der Alte ist und nicht mehr so im Mittelpunkt der Sorge und der Anteilnahme stehen. Manche halten lange durch, andere sprechen früher: von nicht zu unterdrückenden Erinnerungen, den sogenannten flashbacks, die einen für quälendlange Momente wieder zurückversetzen in den Augenblick des Schreckens.

Von den Gefühlen der Überforderung, weil der Körper doch noch nicht so viel kann und die Einschränkungen durch die dauernden Schmerzen, die Narben und die geringe Strapazierfähigkeit der Haut dauernd spürbar sind;

Von der untergründigen Angst, so vieles, was man eigentlich gleichzeitig machen, regeln und schaffen müsste, nicht zu bewältigen, sich um den Beruf zu kümmern und um die Familie, um die Versicherungen und … und …

Manchmal mag man sich dann gar nicht zeigen, obwohl man genau weiß, dass das Falsche ist, aber man kann nicht anders: „Lasst mich doch alle in Ruhe!“ Es ist, als ob sich eine mühsam verheilte Wunde mit einem Schlag öffnet. Beides kommt dabei zusammen: die eigene Verunsicherung und Verletzlichkeit und die Reaktionen der Mitmenschen mit ihrer Skepsis und Unsicherheit, mit ihrer manchmal nur dürftig versteckten Ablehnung, mit ihren Leistungsanforderungen und dieser elenden Geschwindigkeit. Bei der man nicht mithalten kann.

John Partridge, Gründer der englischen Selbsthilfegruppe „Changing Faces“ hat das in ein knappes Schaubild unter der Überschrift: Scared – verwundet gebracht:

S – Staring (anstarren)
C – Curiosity (Lächerlichkeit)
A – anguish (Angst)
R – Recoil (Rückzug)
E – Embarrassment (Verlegenheit)
D – Dread (Furcht)

Es ist, als ob man auf dem falschen Fuß erwischt wird. Es müsste längst vorbeisein, aber es fängt jetzt erst richtig an.

Die Erklärung ist relativ einfach: Am Anfang stehen das Überleben und die körperliche Heilung für alle, nicht nur für den Verletzten, sondern auch für seine Familie und seine Freunde im Vordergrund und die Seele tritt dezent zurück; soul follow body: Die Seele folgt dem Körper. Erst wenn wieder ein Mindestmaß an Sicherheit gewonnen ist, vieles im Alltag wieder einigermaßen läuft, erst dann regt sich die Seele – phasenversetzt! – und beansprucht ihr Recht auf Anteilnahme. Body follows soul: Der Körper folgt der Seele.

Was kann man also tun?

  1. Mann soll nicht denken, man sei verrückt und alle anderen schaffen das ohne Probleme, was einem selbst die Luft zum Atmen nimmt.
    Wahr ist: Vier von fünf Brandverletzten erleben genau dieses Chaos.
  2. Man soll nicht denken, man habe noch nichts geschafft und sich selbst kleinreden.
    Wahr ist: Viel ist geschafft: die Zeit in der Klinik mit ihren Schmerzen und ihrer Einsamkeit. Die Rückkehr nach Hause und die Mühen der Kontaktaufnahme mit dem, was einmal vertraut war und jetzt eigenartig fremd wirkt. Die tägliche Sorge um den Körper und der zähe Kampf um mehr Beweglichkeit und Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Wer das noch nicht erlebt hat, soll bitteschön den Mund halten.
  3. Man soll nicht denken: Es muß bleiben wie es ist und nichts wird sich mehr verändern. Besser kann es sowieso nicht mehr werden.
    Wahr ist: Man kann nicht in die Zukunft sehen, Wenn man zurückschaut und sich bestimmte Situationen vom Anfang vergegenwärtigt und sich in Erinnerung ruft, was man sich damals gedacht hat, und wenn man sich jetzt anschaut, begreift man: lebend, suchend, hoffnungsvoll, enttäuscht, entwickle ich mich Stück für Stück und das wird weitergehen! Besser als gestern, schlechter als morgen.
  4. Es muß nicht ein Entweder-Oder geben: Entweder lasse ich meine Narben korrigieren und dann wird alles gut, oder ich gebe auf. Entweder kann ich beruflich genau das wieder machen wie früher, oder es hat alles keinen Sinn.
    Wahr ist: Das Leben besteht in der Regel aus vielen Grautönen. Ganz hell und ganz schwarz sind selten. Ich lerne, den vorläufigen Kompromiß zu schätzen. Ich habe Geduld mit mir und gestehe mir zu, daß ich mich nicht entscheide, wenn ich nicht weiß, wie ich mich entscheiden soll. Ich lasse mich nicht unter Druck setzen.  
  5. Man soll nicht denken, zu reden und sich auszutauschen hilft ja doch nicht. Jeder muß eben alleine da durch.

Wahr ist: Nur wenige sind dazu bestimmt, als einsame Cowboys durch ihr Leben zu reiten. Den meisten von uns bekommt es gut, zu spüren, dass andere Anteil am eigenen Schicksal nehmen, dass man von sich sprechen kann und Gehör findet, vielleicht sogar manchmal Verständnis und Unterstützung. Man hört dann auf zu denken, es ginge nur einem selbst so. Man begreift: man ist Teil einer großen Gemeinschaft, die mutig und tapfer ihr Leben meistern will. Manchmal heißt diese Gemeinschaft „Phoenix“!

Dr. Christian Braune
Theologe und Psychotherapeut im Zentrum für Schwerbrandverletzte des Berufsgenossenschaftlichen Unfallkrankenhauses Hamburg-Boberg

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